Meine erste Schutzhundprüfung
Können Sie sich noch an Ihre erste Schutzhundprüfung erinnern? Ja, dann können Sie sicherlich mitfühlen welche Ängste, Nöte, depressive Stimmungen, viele Tiefs, wenige Hochs meine Leidensgenossinnen Ruth, Martina und ich erlebt haben. Im Mai 1999 hatten wir unsere erste Schutzhundprüfung.
Anfang des Jahres, nach der Winterpause, lag der Prüfungstermin noch weit entfernt und wir setzten unsere Übungen relativ gelassen fort. Unsere Hunde waren ja schon ganz gut. Sie hatten die Begleithundeprüfung anstandslos geschafft und die wenigen kleinen noch vorhandenen Fehler würden wir ihnen schon noch abgewöhnen.
Langsam rückte der Prüfungstermin näher und ich wurde immer nervöser. Mit meiner Nervosität steckte ich meinen Hund an - meine Frau und mein Umfeld bekamen meine Stimmung mit. Die Übungen wurden immer schlechter, selbst die "Sattelfesten" klappten nicht mehr und die etwas schwierigeren verweigerte mein Hund sogar mehrmals. Es half nichts: weder mit spielen noch mit Strenge, weder mit streicheln noch mit Schimpfwörtern. Lediglich die angebotenen Leckerchen nahm mein Hund freudig entgegen - der erwartete Dank blieb jedoch aus.
Ruth, Martina und ich waren jetzt plötzlich sehr fleißig; wir waren am Übungsgelände die ersten und gingen als letzte, wir legten Sonderschichten ein - nichts half. Unser Ausbildungswart versuchte uns Mut zuzusprechen: "Ihr schafft das schon!" Es klang aber nicht so überzeugend.
Als dann nach einem erfolglosen Übungsabend auch noch ein Mitglied unserer Gruppe, das unseren krampfartigen Versuchen mit unseren Hunden zugesehen hatte, andere Zuschauer erstaunt fragte: "Waas, die wollen die SchH1 machen?" waren wir total am Boden zerstört. Aber später als wir so richtig sauer auf dieses Mitglied wegen der etwas flapsigen Bemerkung waren, kam unter uns eine richtige Trotzstimmung auf und wir schworen uns: "jetzt erst recht!".
Dann eine Woche vor der Prüfung kam die Generalprobe. Im Theaterleben ist ja eine verkorkste Generalprobe immer ein gutes Omen für die Uraufführung. Nicht so bei mir; die Generalprobe ging natürlich in die Hose und versetzte mich in Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit. Ich machte heimlich, ohne Wissen unseres Ausbildungswartes eine zweite und eine dritte Generalprobe unter Ausschluß der Öffentlichkeit - eine schlechter als die andere. Mein Magendrücken wurde zu Magenschmerzen, ich fühlte mich krank, wollte mich krank und von der Prüfung abmelden. Ich trank literweise Kaffee, versuchte diesen mit 2-3 Bieren pro Abend zu kompensieren, nichts half, ich schlief immer unruhiger.
Die letzte Nacht vor der Prüfung konnte ich wieder fast nicht schlafen. Kurz bevor der Wecker zum Aufstehen läutete schlief ich doch vor Erschöpfung ein. Jetzt verfolgte mich sogar ein Alptraum:
Ich stand auf dem Übungsplatz und versuchte vergeblich über die 1-Meter-Hürde zu springen; die war nämlich im Traum mindestens 3 Meter hoch. Immer wieder lief ich an und versuchte zu springen, vergeblich - ich rannte gegen die Wand, schaffte die Höhe nicht und fiel auf den Rücken. Als ich zur Stelle sah, wo sich sonst bei den Übungstagen unser Ausbildungswart aufhält und seine Anweisungen gibt, saß mein Hund dort, war mindestens fünf mal größer als in Wirklichkeit, zog die Lefzen hoch und grinste mich teuflich und höhnisch an.
Ich schreckte schweißgebadet auf - das Läuten des Weckers dröhnte in meinem Kopf als wenn die Glocken von St. Peter in der Nähe läuten würden. Instinktiv griff ich unter mein Kopfkissen, holte die Prüfungsordnung hervor und las nach. "Wie war das eigentlich mit der 1-Meter-Hürde?" Natürlich! Der Hund und nicht ich mußte über die Hürde springen und mit dem Holz zurückkommen. Ich konnte diese Passage der Prüfungsordnung fast auswendig, ich hatte sie mindestens zwanzig Mal gelesen.
Ohne Frühstück fuhr ich zum Boxer-Klub. Heute war ich besonders lieb zu meiner Bruni in Form von vielen zusätzlichen Streicheleinheiten und guten Worten. "Laß mich nicht im Stich" flehte ich sie immer wieder an. Meinen Hund kümmerte das gar nicht; wie immer, wenn ich zum Klub fuhr, lag er im Heck meines Autos und schlief mit den üblichen Geräuschen.
Dann im Klub: Ein freundliches "Hallo" von allen Seiten. Martina war etwas blaß um die Nase, ich selbst hatte heute gar nicht erst in den Spiegel geschaut. Ruth drückte mir mit ein paar aufmunternden Worten einen Glückspfennig in die Hand. Fest umschloß meine Faust diesen Glücksbringer. Sonst bin ich ja nicht abergläubisch; aber heute nahm ich entgegen meiner sonstigen Gewohnheit das Fährtenschild Nr. 13.
Dann ging es in den Wald zur Fährtensuche. Ich nahm meine Umgebung kaum wahr; es war, als wenn Körper und Geist getrennt wären. Ich hatte natürlich nicht die Hose voll; aber selbst wenn - ich hätte es kaum gemerkt, so aufgeregt war ich. Dann wurde die Fährte gelegt und schon stand der Richter hinter mir und sprach einige beruhigende Worte. Ganz mechanisch stotterte ich meine Anmeldung und machte die 10-Meter-Leine fest. Dann verließ ich mich auf meinen Hund. Und siehe da, während ich mich krampfhaft an der Leine festhielt und hinter meinem Hund durch den Wald stolperte, lief dieser mit der Nase am Boden schnurgerade der gelegten Spur entlang, fand sicher die Winkel und die zwei ausgelegten Gegenstände und setzte sich selbstbewußt ("ich weiß ja, was ich kann!") am Ende der Fährte. Hätte ich nicht selbst einen Fehler gemacht, es wären mehr als 96 Punkte möglich gewesen. Die lobenden Worte des Richters taten gut. Ich flüsterte meinem Hund ein herzliches "Danke" zu. Vor Aufregung mußte ich meine Suchleine dreimal zusammenwickeln. Gute Nachricht kam auch von den anderen Fährten: alle Hunde hatten hervorragend gesucht, Kassandra von Ruth sogar 99 Punkte erhalten.
Zurück im Klubheim wehrte ich die ersten Glückwünsche ab. Ich wußte, das Schwerste stand mir noch bevor. Am schlimmsten war die Wartezeit. Bevor die Schutzhunde mit der Unterordnung dran waren, kamen die Hunde mit der Begleithundeprüfung. Die Prüfung zog sich hin und dauerte und dauerte. Und nach jedem Hund suchte ich ein gewisses Örtchen auf.
Dann endlich! Wie im Training geübt, legte ich zuerst meinen Hund ab. Mehr gelangweilt als aufmerksam absolvierte mein Hund Bruni diese erste Übung. Die anschließende Leinenführigkeit und die Freifolge klappten hervorragend; viel besser als im letzten Jahr bei der BH (Kommentar des Prüfers damals: "chaotisch"). Dann eine todsichere Übung: "Platz" aus dem Schritt. 99 Mal geübt - 99 Mal geklappt. Nach meinem Kommando Platz schaute ich mich nicht um und entfernte mich selbstbewußt 30 Schritte von meinem Hund. Meiner Sache sicher, drehte ich mich nach einigen Sekunden um. Mein Schrecken war groß, mein Hund saß. Mit diesen 10 Punkten hatte ich fest gerechnet. Während meine Bruni freudig auf mein "Hier" reagierte, bekam ich schweißnasse Hände. Dann eine weitere Übung als sichere Bank: Holz auf ebener Erde. Freudig stürzte sich Bruni auf mein "Bring" auf das Holz, schnappte es sich und drehte mit Bocksprüngen und Holzschütteln eine Platzrunde; 10 lange Sekunden blieb mein Herz und Atem stehen, dann kam Bruni mit Holz zurück. Kommentar des Prüfers nachher: "Nicht richtig, aber mit Freude!"
Dann die gefürchtete Hürde, die mir einen Alptraum beschert hatte. Natürlich brachte Bruni das Holz zurück - aber nicht über die Hürde. Damit hatte ich schon gerechnet und war mit einer Teilbewertung zufrieden.
Zum Schluß das "Voraus". Ungläubig schaute mich mein Hund an: "Was willst Du eigentlich? Erst soll ich eng bei Deinem Fuß laufen und dann schickst Du mich von Dir fort?" Nach dem dritten "Voraus" hatte sich Bruni gerademal fünf Meter von mir entfernt. Auf mein verzweifeltes "Platz" legte sie sich auch sofort hin. "Das war zu wenig!" war der Kommentar des Richters.
Nach dem Abmelden meinte der Richter: "Da wollen wir mal schauen, was herauskommt", beugte sich über seine Aufzeichnungen und begann meine wenigen Punkte zusammenzuzählen. "Hoffentlich mehr als 69 Punkte" antwortete ich mit einer Art Galgenhumor. Unterm Strich waren es dann gerade bescheidene 74 Punkte. Ich war froh, die zweite Abteilung war auch geschafft, wenn auch geradeso. Ruth und Martina erging es ähnlich: nicht berühmt; aber Hauptsache geschafft.
Dann die lange Mittagspause. Es gab gegrillte Steaks und Salat; normalerweise ein Lieblingsgericht von mir. Aber jetzt konnte ich weder den herrlichen Duft der Steaks riechen, noch einen Bissen essen. Wieder suchte ich das besagte Örtchen auf. Die Wartezeit überbrückte ich mit spazierengehen, ich wollte alleine mit meinen Gedanken sein.
Endlich ging es mit dem Schutzdienst weiter. Zuerst war Ruth mit Kassandra dran. Alle Übungen sehr gut geschafft, keinen Ausreißer. Die Gesamtprüfung mit Erfolg absolviert. Während Ruth und ihr Hund den verdienten Beifall erhielten, mußte ich auf den Platz. Normalerweise ist der Schutzdienst für Bruni eine heißgeliebte Abteilung - wenn nicht die geforderte Unterordnung wäre. Die Übung lief ganz gut ab. Nur beim Seitentransport mußte ich höllisch aufpassen und Bruni ganz kurz führen, sonst wäre sie mehrmals an den Arm des Helfers gegangen. Die Abmeldung beim Richter hatte ich auswendig gelernt. Aber können Sie drei Dinge gleichzeitig machen? Ich nicht! Stellen Sie sich vor: Mit meiner linken Hand mußte ich Bruni ganz kurz halten, sonst wäre sie an den Arm des Helfers gegangen, sie zog schon so verdächtig. Mit der rechten Hand mußte ich dem Richter den Softstock übergeben, den ich vorher beim Entwaffnen dem Helfer abgenommen hatte und dann sollte ich mich auch noch ordnungsgemäß beim Richter abmelden. Das war zuviel! Während ich herumstotterte und nach Worten suchte meinte der wohlwollende Richter: "Es ist in Ordnung!"
Dann erklärte der Richter mir meine Fehler. Zu Bruni meinte er: "Der Hund ist hervorragend" - und verkündete dann das Urteil: "87 Punkte" - geschafft.
Es dauerte einige Sekunden, bis ich das verarbeitet hatte. Erst der Beifall draußen machte mir bewußt, ich hatte die Prüfung insgesamt bestanden. Mich durchströmte ein unbeschreibliches Glücksgefühl, ich schwebte über dem Boden - ein Gefühl, nur vergleichbar mit meiner ersten Liebeserklärung, als die Angebetete "ja" flüsterte. Der Stein, der mir vom Herzen fiel, war wohl noch am 10 km entfernten Flughafen zu hören. Spontan ging ich zu unserem Ausbildungswart und dankte ihm herzlich. Ihm hatte ich es in erster Linie zu verdanken, seiner Kompetenz, seiner Geduld, seiner Motivationskunst.
Nach mir kam Martina mit ihrer Sheila dran. Auch sie schaffte die Prüfung.
Die Freude war riesengroß, von allen Seiten wurden wir beglückwünscht. Wir umarmten und drückten uns und entgegen aller hygienischen Grundregeln wurden unsere Hunde gedrückt und abgeschmust. Freude und strahlende Gesichter rundum.
Das erste Bier danach war ein Hochgenuß, und ich habe noch nie so eine wohlschmeckende Bratwurst gegessen.
Dann saßen wir alle, die Hundeführer, Ausbildungswart und die vielen Angehörigen und Zuschauer zusammen. Es wurde viel erzählt, getrunken und gelacht. Und der häufigste Satz der nach einer Prüfung von den Kandidaten gesprochen wird, machte auch bei uns die Runde: "So etwas hat mein Hund noch nie gemacht!" Zu diesem Satz wurden viele Geschichten und Anekdoten erzählt, und jeder wußte eine eigene Geschichte. Mit etwas Abstand betrachtet hatte ich fast den Eindruck wie das berühmte Angler- und Järgerlatein. Aber warum soll es nicht auch ein "Hundesportler-Latein" geben!
Aber daß eine Prüfung ihre eigenen Gesetze hat, ist unumstritten. Der Hundeführer ist nervös, das überträgt sich auf den Hund. Der Hund sieht andere Menschen auf dem Platz und viele Zuschauer. Außerdem wittert der Hund den Angstschweiß seines Frauchens oder Herrchens.
Auch die erfahrenen Hundeführer bleiben von der Prüfungsnervosität nicht verschont. Selbst unsere Kollegin mit den meisten Erfahrungen und weit über hundert mit Erfolg absolvierten Prüfungen, brachte in die Reihenfolge der Prüfungen bei der Unterordnung einen "Knopf" hinein.
Oder unser Ausbildungswart. Sein Hund Jacko - übrigens der erklärte Liebling meiner Bruni - hatte schon die SchH3 mit Erfolg abgeschlossen, ist insgesamt hervorragend ausgebildet und sollte am nächsten Tag die FH-Prüfung angehen. Behauptet doch unser Trainer allen Ernstes, sein Hund hätte eine "Prüfungsallergie"! Als dann am nächsten Tag Jacko die Prüfung mit der Höchstpunktzahl und vorzüglich abschloß, habe ich mich schon gefragt: "Wer hat denn da die Prüfungsallergie, der Hund oder der Hundeführer?"
Die eingangs erwähnten Stimmungen vor der Prüfung, Nervosität, Ängste, depressive Stimmungen, Resignation, die vielen Stunden des Übens, des Verzweifelns, Hoffen und Bangen waren plötzlich verschwunden. Die Siegerehrung war noch nicht vorbei, die Urkunden noch nicht verteilt, da begann schon das Pläneschmieden, welcher Hund wann und wo die nächste Prüfung angehen sollte; alle waren mit Begeisterung dabei. Uns hatte das Hundesportfieber gepackt!
Als Fazit dieser Prüfung kann ich feststellen, meine Bruni und natürlich Ruths Kassandra und Martinas Sheila sind die schönsten und besten Hunde! Und wenn das ein Richter anders sieht, macht auch nichts; auch ein Richter hat das Recht, sich zu irren!
Was aber absolut unbestritten ist: Unsere Hunde sind die Liebsten. Ich liebe meine Bruni heiß und innig, trotz - nein weil sie so einen herrlich dicken Boxerschädel hat und mit Freude und Einfallsreichtum während der Prüfung neue Übungsteile kreiert, die in keiner Prüfungsordnung (noch nicht!) stehen.
Anläßlich unserer Prüfung im Frühjahr 1999 geschrieben von Peter Jungwirth